Warum geht man(n)/ich angeln?

Warum gehen wir eigentlich zum Fischen? Nüchtern betrachtet ist keiner von uns darauf angewiesen seinen gefangenen Fisch wirklich aus monetären Gründen in sein Nahrungskontingent zu überführen.

Ein klassisches Beispiel für eine durchgeführte Renaturierung.

Aber was ist es dann was einen immer wieder raus ans Wasser treibt? Spannung, Spaß, Langeweile, Flucht vor dem Hausdrachen, Suche nach Bestätigung? Sicherlich, man kann hier bei den Gründen nichts pauschalisieren weil es nicht DEN einen Grund gibt. Der 70 jährige verwitwete Rentner wird sicherlich andere Beweggründe haben, als der jugendliche Halbstarke der mit ner Pulle Bier am Wasser abchillt und dessen einzige Intension es ist seinem Bierkonsum einen traditionsbewussten Anstrich zu geben (gilt nicht für Bayern, dort zählt Bierkonsum bekanntlich als Tradionspflege – Danke hierfür Günther Beckstein).

Lagerfeuerstimmung. Auch das gehört dazu – sofern erlaubt.

Nicht umsonst zählt die Fischerei, ebenso wie die Jagd zu den Kulturgütern. Was aber bewegt jemanden ernsthaft ans Wasser zu gehen, zu frieren, nass zu werden, vielleicht enttäuscht und ohne Fischkontakt abends wieder nach Hause zu schleichen? Ich kann hier mehr oder weniger nur für mich sprechen. Augenscheinlich gehöre ich zu der Kategorie Mensch die Kraft aus ihrem Hobbys zieht. Dabei spielt es weniger eine Rolle ob man am Wasser erfolgreich ist oder nicht. Neben dem eigentlichen Fischen gibt es eine Menge anderer Dinge um das Hobby herum, die die Fischerei so interessant und auch wichtig für mich machen. Jedes Mal wenn man sich am Wasser aufhält, lernt man etwas. Das ist so, auch wenn es einem in diesem Moment nicht auffällt. Ja selbst wenn man nichts fängt kann man seine Lehren daraus ziehen.

Ein mittlerer Fluss in Süddeutschland. Der Reif und die niedrigen Temperaturen haben die Natur noch fest im Griff.

Oftmals nimmt man das gar nicht bewusst wahr. Diese neuen Erkenntnisse manifestieren sich einfach über kurz oder lang im Verhalten des Anglers. Einige mögen dies Erfahrung nennen, andere würde Skills dazu sagen. Hierbei ist es von Vorteil wenn man seinem Hobby und dem was dazu gehört eine gewisse Aufgeschlossenheit entgegen bringt. Wichtige Grundkenntnisse werden bereits bei der Fischerprüfung vermittelt, den letzten Schliff erhält man jedoch am Wasser. Beispiel: Man sitzt beim Ansitzangeln, gerade tut sich nichts an den Ruten und so lässt man seinen Blick über das Wasser schweifen. Plötzlich erkennt man einen Vogel den man so noch nie am Wasser gesehen hat.

Gefrorenes Geäst an einem Bach im Winter

 

 

Auch im Vorbereitungslehrgang zur Fischerprüfung wurde dieser Vogel nicht thematisiert (zumindest bei mir in Bayern kamen Vögel bei Vorbereitungslehrgang eher zu kurz. Bedenkt man aber, dass in Bayern alles irgendwie schwieriger ist – Jagdschein, Fischereischein, Asylanträge… kann man eigentlich schon davon ausgehen, dass das Thema Vögel in anderen Bundesländern komplett von der Agenda gestrichen wurde…). Klar, nicht jeden interessiert das.

Für viele Angler, besonders die Jüngeren, gehört dieses steigende Interesse an der Umwelt aber mittlerweile einfach dazu. Früher hätte man ein Lexikon oder ein ornithologisches Fachbuch bemüht um herauszufinden um was für einen Vogel es sich handelt. Heute zückt man sein Smartphone, macht ein Bild und googelt oder verwendet eine entsprechende App. Worauf ich aber hinaus möchte ist Folgendes: Eines führt zum anderen. Um die Zusammenhänge in einem Ökosystem zu verstehen und zu begreifen muss man die einzelnen Protagonisten und ggf. deren Antagonisten kennen, deren Funktion, Lebensweise, Ernährung usw. Bei mir fing es mit der Fischerei recht früh an. Um genau zu sein im zarten Alter von 6 Jahren am Feuerlöschteich meines Onkels. Einige Jahre später kam dann die Fotographie hinzu, vornehmlich Tiermotive, zeitweise HDR Aufnahmen, Akt und Portrait etc.

Ein kleiner Perspektivenwechsel macht aus einem kleinen Rinnsal plötzlich einen formatfüllenden Fluss.

Das Interesse an der Natur welches ich meiner Meinung nach über die Fischerei in mich aufnahm, wirkte sich auch nachhaltig auf meinen beruflichen Werdegang aus. Bereits in der Schule hatte ich eine starke Affinität zu Biologie/Chemie und Ökologie. Wenig verwunderlich also, dass Biologie sowie Chemie beides jeweils meine Abiturfächer darstellten. Weiter ging es dann mit dem Biologiestudium und einer Ausbildung im chemischen Bereich. Im letzten Jahrzehnt kam dann noch die Affinität zur Jagd hinzu. Zwischenzeitlich kam noch das Thema Imkerei mit dazu, wurde aber aus Platzgründen auf der to do Liste erstmal nach hinten geschoben.

Der Weg zum Gewässer kann teilweise abenteuerlich sein.

Dies alles hilft einem bzw. mir die Zusammenhänge der Natur besser zu begreifen. Welchen Nutzen ich davon habe? Unter anderen eine tiefe Selbstsicherheit mich in meiner Umwelt zurecht zu finden. Kennt man die Tier- und Baumarten seiner Heimat so geht man anders durch die Welt.

Die Kraft des Wassers sollte man als Mensch nie unterschätzen.

Erkennt man im Wald etwas und kann ihm einen Namen zuordnen, vielleicht sogar wissenschaftliche Zahlen oder Eigenschaften, so bekommt vieles einen Sinn. Man ist zufrieden mit sich selbst was sich letztendlich auch auf sein Wohlbefinden auswirkt…und das strahlt man dann auch aus. Selten bin ich so tiefenentspannt wie nach und während dem Angeln.

Das blaue Leuchten aus der Tiefe.

Der Fischfang selbst ist gar nicht so der entscheidende Faktor. Natürlich fange ich lieber etwas als als Schneider nach Hause zu gehen aber manchmal hat man halt kein Glück und manchmal gewinnt der Fisch J Andererseits hat die Fischerei meiner Meinung nach nur bedingt mit Glück zu tun. Betrachtet man die wissenschaftlichen Komponenten wie z.B. Luftdruck, Windrichtung, Wassertemperatur, Wasserfärbung und und und so kann man seine Fangerfolge weniger auf Zufall als vielmehr auf Erfahrung, Wissen und vielleicht doch ein Quäntchen Glück zurückführen.

Die Fischerei und die damit einhergehenden Möglichkeiten sind recht umfangreich. Ein guter Freund von mir hat über die Fischerei seine Liebe zum Kochen entdeckt, ein anderer, ähnlich wie ich, ist über die Fischerei zur Fotographie gekommen. Ein weiterer Bekannter hat seine Berufung darin gefunden während der Angelei die Vögel am Wasser zu beobachten und darüber Buch zu führen.

Herbstimpressionen. Nur wer auch raus geht kann Natur erleben – und verstehen.

Ich selbst bin alles andere als eine Rampensau. Ich mag es nicht im Mittelpunkt zu stehen, vor anderen zu referieren oder in der Öffentlichkeit mit Wissen zu brillieren. Das ist allerdings Charaktersache. Umso erstaunter war ich über mich selbst, als mich eine Biolehrerin die mit ihrer Klasse gerade eine Exkursion an meinem Hausgewässer machte, mich bat den Kids kurz zu erzählen was ich da gerade mache und was für Fische es hier gibt. Mein erster Gedanke war. Ach nee, ich will meine Ruhe und vor Leuten reden ist nun wirklich nicht meins.

Düsterer Morgennebel am Gewässer, Einsamkeit und Frieden. Das alles finden wir bei der Ausübung unseres Hobbys.

Andererseits ist es theoretisch auch die Chance die digitalversuchten Kids etwas einzunorden und vielleicht den Funken des Interesses bei einigen zu entzünden. Gesagt, getan. Ich bin über meinen Schatten gesprungen und habe den Kids etwas über die heimischen Fischarten, Gewässergüte und Bioindikatoren erzählt. Anschauungsmaterial gab es ja genug. Ich bezweifle zwar, dass ich auch nur einen der kleinen Racker für meine Passion begeistern konnte aber immerhin habe ich es versucht. Und ja, es ging erstaunlich gut.

Wer sich etwas mit Fotografie auskennt, kann sich solche Erinnerungen mit nach Hause nehmen.

Normalweise braucht man für jeden Vortrag immer eine gewisse Vorbereitungszeit um sich ein Konzept zu überlegen und und und. In diesem Fall führte eines zum anderen und es hat wirklich ausnehmend gut funktioniert. An dieser Stelle kann ich natürlich nur für mich und nicht für andere Angler sprechen, aber ich bereue es absolut nicht, den Fischereischein gemacht zu haben.

Wasser und damit Fisch sind quasi überall vorhanden….

Im Gegenteil, es hat sich als Bereicherung und als wegweisend für mich herausgestellt. Auch wenn unser Hobby in der Öffentlichkeit nicht nur Zuspruch erfährt – Stichwort PETA – so muss man sich doch vor Augen halten, dass dieses Hobby/Tätigkeit die Menschheitsgeschichte bereits seit ihren Anfängen prägt – und das im positiven Sinne. Selbst Petrus – einer der Jünger Jesu – war Fischer…

 

Unterhalb von Mittelgebirgen findet man immer wieder schöne kleine „Pfützen“, Überbleibsel der letzten Eiszeit.

Autor dieses Artikels
Profilbild

Pete

Geboren, Grundschule, Gymnasium, Uni usw. Seit 2009 im Qualitätsmanagement einer Firma für Biosensoren/Schnelltests
Erste Angelschritte im Jahr 1990
Partner
www.angler-oase.de
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